Journal

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2. November 2017

Parole: Poesie!

Liebe Freunde,

ich hatte das Bedürfnis, Euch ganz rasch noch einen Journal-Eintrag zu schreiben, während ich mich auf die nächsten Termine der Tour vorbereite. Hier ist er:

Als Konstantin Wecker mich fragte, ob ich bei der Neu-Einspielung von „Sage nein!“ mitwirken wollte, sagte ich natürlich begeistert zu, denn es ist ja kein Geheimnis, dass sein Schaffen mich stark beeinflusst und sein Umgang mit Sprache mich immer sehr beeindruckt und inspiriert hat. Nicht nur seine politischen Lieder, sondern auch das Zarte, seine Liebesgedichte. Obwohl die Grenzen mir auch oft verschwommen scheinen. Um mal ein anderes großes Idol zu zitieren, nämlich den schottischen Folksänger Dick Gaughan:

„All the songs that I sing are love songs,
but their love is a different kind.“

Es mag an der urtümlichen Inbrunst des Vortrages liegen oder an seiner nie versiegenden Zuversicht, dass die Menschheit nochmal vernünftig wird (die mir ja völlig abgeht, wie ebenfalls bekannt sein dürfte): Sein Werk strahlt für mich eine große Hoffnung aus, in deren Schein ich mich ab und zu begeben muss wie unter eine heiße Dusche nach einem langen Tag in Schnee und Eis.

Wir hatten das Stück „Sage nein!“ ja für die „Ich bin ein wahrer GeistErfahrer“-Tour sogar wieder im Live-Programm gehabt, und ich finde, es ist eine wichtige Botschaft, wenn nicht sogar wichtiger denn je, wenngleich auch mir nicht entgangen ist, dass die Message dieses Songs – und auch die der eigenen mit ähnlichem Hintergrund – nicht überall gleich gut angekommen ist, um nicht zu sagen: Man spürt es allerorts: Es wird wieder kälter in Deutschland. 

Die Unmenschlichkeit wird wieder salonfähig, selbst in unserem kleinen „Biotopia“. Das schmerzt mich, weil ich, naiv wie ich manchmal bin, dachte, in unserer Toleranz so stark einfordernden kleinen Szene sei diese „eisige Wirklichkeit“ nicht angekommen. Ich hätte es besser wissen müssen, hab ich doch meine bitteren Erfahrungen gemacht. Aber manchmal ist der Wunsch eben größer als der Hang zur Realität.Nichtsdestoweniger und trotz aller Nachdenklichkeit, die mit der Aktion über mich gekommen ist, war es eines der absoluten Highlights meiner – nennen wir es mal in Ermangelung eines besseren Begriffes „Karriere“ –, und ich bekam auf der anderen Seite viele Begeisterungsbekundungen aus unerwarteten Richtungen.Ich besuchte dann eines der Konzerte von Konstantins Jubiläumstournee (welche noch immer läuft), und wir lernten uns persönlich kennen.

Das war ehrlich gesagt ein wahnsinnig toller Moment, denn der mittlerweile 70jährige Herr Wecker hat mich mit seiner Offenheit, seiner warmherzigen Art mir gegenüber und seinem von Berührungsängsten mit meiner „düsteren Kunst“ völlig befreiten Wesen sehr beeindruckt.
Ich muss auch sagen: Vielleicht ist dieser, pardon, Wecker der Spät-(aber hoffentlich nicht letzten)phase mir sogar der angenehmste, gleichwohl ich freilich Lieder aus allen Schaffensperioden schätze. Aber dieses Altersweise (Ein schönerer Begriff wäre Erfahrungsweise) und vor allem das etwas Mildere, das steht ihm unglaublich gut. Es wirkt so echt, nein, wahrhaftig.

Wir unterhielten uns über alles Mögliche bei dieser Gelegenheit und natürlich auch über seine Texte und die grandiose Setlist seines Konzertes. Später schrieb ich Bezug nehmend auf seinen neuen Song „Den Parolen keine Chance“ und unter dem Einfluss dieses wundervollen Abends das Stück „Parole: Poesie!“, welches ihm gewidmet ist. Es ist eine Hommage an sein Schaffen und seine Haltung. Seine Werkschau heißt ja „Poesie und Widerstand“, und im Gespräch mit Konstantin kam mir in den Sinn, dass wir alle , die wir uns mit Poesie, Lyrik und den schönen Künsten beschäftigen, ohnehin schon Widerstand gegen die Kälte der Welt leisten. Und ich formulierte das um zu der Schlussfolgerung „Poesie IST Widerstand“, welcher Konstantin begeistert zustimmte. Eine tolle Sache war das, ein inspirierendes Gespräch, und ich reagierte auf die Art, wie ich es meine am besten zu können: mit einem Lied für ihn. Mit „Parole: Poesie!“ wollte ich sowohl textlich als auch musikalisch einen Wecker-Song mit einer Prise ASP schreiben, ohne zu covern oder mich bei ihm zu bedienen. Sozusagen einen Song schreiben im Geiste seiner Schaffenswelt. Ich hoffe, es ist gelungen und er fühlt sich beschenkt.

Ich jedenfalls fühlte mich sehr beschenkt von dieser Begegnung. „Das macht mir Mut, so muss das sein …“In einem Interview sagte ich neulich: Poesie ist in jugendlichem Alter heutzutage so ziemlich das Uncoolste, womit man sich beschäftigen kann. Deshalb ist Poesie jedoch eine Art des Widerstandes. Poesie zu lieben, ist Widerstand. Sich zur Poesie zu bekennen, ist Widerstand. Widerstand gegen das Establishment und die Großschwätzer mit ihrem Männlichkeitswahn. Wer heute zugibt, Derartiges zu lieben, ist für mich bereits ein Held.

Nun denn, ihr Helden und Heldinnen!

Viel Freude wünsche ich euch mit „Parole: Poesie!“, welches zwar ein Bonus-Track ist, aber beileibe nicht NUR ein Bonustrack!

Hier kommt der Text, das Lied befindet sich auf allen limitierten Ausgaben des Albums „zutiefst“.

Parole: Poesie!
(für Konstantin Wecker)

Wenn unsre Worte nicht mehr reichen,
sind sie auch noch so reich an Sinn,
beginnt sich Kälte einzuschleichen,
und die Magie ist bald dahin.
Wenn Worte nicht in dir auslösen,
dass du gedeihst und bald erblühst,
sind sie die Wurzel alles Bösen,
und deine Welt bleibt öd und wüst.

Wenn sie Befehle lauthals brüllen
und du die Pflicht hast strammzustehn,
Worte dich nicht mit Stolz erfüllen,
den sie als Lohn des Kampfes sehn.
Wenn auswendig gelernte Phrasen
dich ratlos lassen, „dummes Kind“.
Wenn alle Freiheitswünsche „Phasen“
und Emotionen Schwächen sind.

Dann wird es Zeit, dass du begreifst …
und alle falsche Scham abstreifst!

Sind die Parolen besiegt,
die, die sie grölen, ausgemerzt,
wenn ein Gedicht schwerer wiegt,
dann sind wir endlich beherzt!
Verstand und Seele sind vernetzt,
und Bauch und Kopf gehn Hand in Hand!
Eine Parole bleibt zuletzt:
Poesie ist Widerstand.

Denn selbst vom bravsten Konsumenten
bleibt nur ein trauriges Skelett.
Von den Bedürfnisproduzenten
stammt nicht ein einziges Sonett.
Haben dich Slogans taubgeworben?
Lässt dich ihr Locken endlich kalt?
Ist jeder Lustschrei längst erstorben
und jedes Echo lang verhallt.

Die Prosa lässt dich nicht erwachen,
reicht nicht ins Innerste hinab.
Du kannst dir keinen Reim drauf machen,
und manchmal prallt sie an dir ab.
Spürt niemand Freude an der Ode:?
kein Götterfunke weit und breit.
Ist sie angeblich aus der Mode,
geh lieber nicht mehr mit der Zeit!

Sie flieht doch ohnehin zu schnell.
Drum werd beizeiten ein Rebell!

Sind die Parolen besiegt,
die, die sie grölen, ausgemerzt,
wenn ein Gedicht schwerer wiegt,
dann sind wir endlich beherzt!
Verstand und Seele sind vernetzt,
und Bauch und Kopf gehn Hand in Hand!
Eine Parole bleibt zuletzt:
Poesie ist Widerstand.

Sie ist an sich schon Rebellion.
Es lehnt sich auf, wer sie genießt.
Lustvolles Wort – statt Kastration! –,
wenn Poesie sich draus ergießt.
Alle Parolen solln vergehn
und auch das grölende Gesocks.
Nur eine darf weiter bestehn,
klingt es auch schrecklich paradox:
Sie bleibt als Mahnmal ausgestellt.
Nur die Parole hat Bestand:
In dieser viel zu harten Welt
ist Poesie stets Widerstand.

Und du bist längst dafür bereit:
heute und für alle Zeit!

Sind die Parolen besiegt,
die, die sie grölen, ausgemerzt,
wenn ein Gedicht schwerer wiegt,
dann sind wir endlich beherzt!
Verstand und Seele sind vernetzt,
und Bauch und Kopf gehn Hand in Hand!
Eine Parole bleibt zuletzt:
Poesie ist Widerstand.

Wenn alle Sänger nicht mehr singen,
weil jemand sie verstummen lässt,
bloß Worte nackt in dir erklingen
und weiter schwingen als Protest.
Sind die Gebete Hasstiraden,
erfand ein Gott sie sicher nicht.
Solln, statt zu heilen, sie nur schaden
– verflucht! –, sprich lieber ein Gedicht!