Journal

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3. April 2020

Liebes öffentliches Tagebuch,

zunächst einmal die gute Nachricht: Ich scheine gesund zu sein. So ziemlich das erste Mal in diesem Jahr, dass ich mich insgesamt relativ gesund fühle, denn die letzten zwei Blöcke der Kosmonautilus-Tour konnten nur unter Zuhilfenahme von reichlich Antibiotika gespielt werden. Und Grundgütiger, was wäre auf mich und die Band zugekommen, wenn wir die Termine hätten verschieben müssen! Keine Chance.

„Keine Chance“ trifft auch zufällig genau das, was wir momentan als Antwort bekommen, wenn wir irgendetwas langfristig planen wollen.
Dies soll kein Corona-Tagebuch werden. Kein ausschließlicher Bericht über die Situation, in der sich Musiker heute befinden, die nun tatsächlich alle um ihre Existenz bangen.

Es heißt, 


wir steuerten momentan auf eine Situation zu, die die Wirtschaft in ihrer Gesamtheit stark beschädige, sodass diese sich nur schwer wieder erholen könne. Das sehe ich nicht ganz so, denn so mancher Bedarf wird sich aufstauen und nach dem Ende der Krise als Flut an Aufträgen über die Industrie ergießen. Schauen wir mal.

Ganz klar ist aber, dass alle Kreativen, die ihr Einkommen hauptsächlich dadurch erwirtschaften, sich vor Leute hinzustellen und sie in irgendeiner Form zu unterhalten, wie zum Beispiel bei Live-Konzerten, Lesungen, Sportveranstaltungen, Theateraufführungen und so weiter, keine Chance haben, ihr täglich Brot auf andere Art oder zeitverzögert zu verdienen. Die Leute werden ja nach dem Ende einer Ausgangsbeschränkung oder des Kontaktvermeidens nicht plötzlich auf zwei Konzerte am Abend gehen. Wie auch.

Ich höre schon die Stimmen, die nun sagen: Ja, in dieser Zeit haben viele Leute Probleme, und die der Künstler sind bestimmt nicht die wichtigsten, global gesehen.

Dem stimme ich selbstverständlich zu 100 % zu, bitte versteht mich nicht falsch! Aber ihr lest ja bestimmt meinen Text, weil ihr euch dafür interessiert, wie es mir und meinen Projekten geht, sonst könntet ihr ja einfach woanders lesen …

Es ist meine Welt, meine Existenz, um die ich mir natürlich auch Sorgen mache, schließlich habe ich Jahrzehnte investiert, um sie aufzubauen. Das heißt nicht, dass ich keine Empathie hätte oder anderer Menschen Schicksale mich nicht interessieren, aber von deren Erfahrungen kann ich ja nicht aus erster Hand berichten. 

Dennoch bin ich ganz ehrlich. Mir ist schon seit vielen Jahren bewusst, dass mein Schaffen und mein Werk nicht Dreh- und Angelpunkt dieser Welt darstellen, dass mein Versuch, den Menschen ein wenig tiefgründiges Entertainment und ein bisschen Balsam für die Seele zu bieten, alles andere als das Bedeutendste ist – und je größer die Krise, desto unbedeutender möglicherweise.
Meine Geschichten sind nicht lebensnotwendig. So wie Klopapier. 

Dies bestätigte im Übrigen auch der Mega-Konzern Amazon in den vergangenen Tagen. Vielleicht hat der ein oder andere von euch auch schon die dortigen Kurzmeldungen gesehen, dass „Amazon sich nun darauf konzentriere, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen“, weswegen nun zum Beispiel Unterhaltungsmedien, Bücher und anderes hinten anstehen sollen. Ach, ihr Menschenfreunde. Wie gut, dass wir euch haben, damit ihr entscheidet, was momentan das „Notwendigste“ ist. Ist ja euer gutes Recht, schließlich kann das die Geschäftsleitung so entscheiden, wie sie möchte.

Hat sie auch.
Der ehemalige Bücher-Onlineversender hat nun einen Anlieferungsstopp für Bücher erlassen.

Das heißt, die Verlage (und dadurch die Autoren) dürfen mit weitreichenden Folgen und extremen Umsatzeinbußen rechnen. 

Quelle übrigens: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/corona-krise-im-buchhandel-was-wird-jetzt-aus-den-verlagen-16701255.html

Das wird bitter für den ein oder anderen Autoren-Kollegen.

Weit weniger im Fokus der Öffentlichkeit steht die Tatsache, dass auch für Tonträger ein Bestellstopp vorliegt. Das bedeutet, nachdem die Lager bei Amazon leer sind, gibt es auch keine Schallplatten und CDs mehr zu kaufen, die für alle Labels und Bands den Löwenanteil ihrer direkten Musikerlöse darstellen (Streaming bringt viel, viel, viel weniger). Amazon ist klar die Nummer 1 als Vertriebsweg.

Keine Konzerte, kaum noch Tonträger … tja. Das ist bitter. Das trifft mich allerdings nicht nur als Kreativschaffenden hart, nein, auch als Konsumenten. Denn ob die Verantwortlichen das glauben oder nicht: Für mich sind Bücher und CDs nach wie vor ein Lebenselixier, und ich bin froh, dass meine Bibliothek gut gefüllt ist mit Geschichten, die ich noch nicht lesen konnte (ihr wisst schon, der NZL-Stapel ist mittlerweile ein NZL-ZIMMER!), und ich meine Silberling-Sammlung auch über JPC und Co. erweitern kann. Denn ich genieße Musik eben am liebsten über ein feines Abspielgerät und per CD.

Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass meine Musikerkollegen und ich das sehr deutlich spüren werden, wenn der Nummer-Eins-Vertriebsweg wegfällt.

Dennoch habe ich mir vorgenommen, jeden dieser Tagebucheinträge mit einer positiven Botschaft enden zu lassen. Zum ersten Mal in meinem Leben scheint es gesellschaftlich völlig akzeptiert – und auch noch förderlich für die Gesundheit – zu sein, dass ich so ein kontaktscheuer Mensch bin, der am liebsten zu Hause in seinem Kämmerlein (manchmal still, manchmal laut) sitzt und schuftet.

Früher als verschrobener Kauz und Gesellschaftsmuffel schräg angeschaut, habe ich mich quasi ohne es zu wollen zu einer Art Vorzeigebürger entwickelt! Das Rebellenherz ist deswegen sehr alarmiert, aber ich nutze seine Energie für viele schöne Texte. Ich schreibe momentan wirklich viel und bin überzeugt, dass all diese Geschichten irgendwann Gehör und Augen finden werden.
Ich freue mich schon drauf.

Euer Asp

„Abstand mit Anstand“